Eben war ich mit Chico und Macarena, zwei Freunden aus Santiago, im “Las Lanzas” am Plaza Ñuñoa (Stadtteil Ñuñoa) auf ein Bier und eine Kleinigkeit zu essen (nach 8,5 Stunden im Labor). Der Straßencafé-Bereich des Las Lanzas war voll mit Menschen, und auch alle anderen Restaurants und Bars in der Umgebung waren ziemlich voll. Auf dem Plaza Ñuñoa fand gerade eine kleine Demonstration statt, eine völlig friedliche Versammlung von höchstens 150 – 200 Leuten, die trommelten, sangen und tanzten. Bis die Polizei kam…
Für jene, die es nicht wissen: In Chile protestieren schon seit Mai diesen Jahres Schüler, Studenten und andere Unterstützer für ein gerechteres und besseres Bildungssystem. Da die Regierung sich bislang nicht bereit zeigte, echte Reformen in die Wege zu leiten, und allerhöchstens provokante Scheinzugeständnisse anbot, begannen die Aufstände zuletzt leider zunehmend gewalttätig zu werden. Die größte Schuld daran tragen allerdings wohl weniger die Demonstranten, als vielmehr die Staatsgewalt – wie ich unter anderem vorhin mit eigenen Augen erleben durfte.
Doch zuvor noch ein paar Hintergründe: Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen (in US-Dollar) ist Chile das reichste Land Südamerikas. Die meisten Chilenen können sich aber trotzdem nicht viel davon kaufen, denn die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Chile besonders hoch, eine Mittelschicht quasi nicht existent. So verdienten im Jahre 2000 die reichsten 20% der Chilenen 61% des Bruttoinlandsprodukts, die ärmsten 20% jedoch nur 3,3% des BIP. Entgegen der offenbar beschönigten Statistiken der chilenischen Regierung leben damit beinahe ein Drittel der Chilenen unterhalb der Armutsgrenze. Dies ist auch stark dem miserablen Bildungssystem Chiles anzuhaften, welches im Endeffekt nur Kindern reicher Eltern überhaupt eine brauchbare Bildung ermöglicht – was zwangsläufig zu einem ungerechten “Kastensystem” führt: Denn Kindern armer Eltern bleibt so jedwege Chance verwährt, jemals durch Bildung sozial aufzusteigen. Vor allem gegen dieses ungerechte Bildungssystem richteten sich anfänglich die Aufstände der Studenten, doch mittlerweile hat es den Anschein, als hätte die Protestwelle auch bereits auf weite Teile der allgemeinen chilenischen Unterschicht übergegriffen (zuletzt schlossen sich auch die Gewerkschaften den Protesten an, siehe auch hier).
Doch kommen wir langsam zurück zur eigentlichen Geschichte.
Ich selbst bekam zum ersten Mal gestern (Dienstag, 18.11.2011) wirklich etwas von der sich langsam zuspitzenden Lage mit, nämlich als in unmittelbarer Nähe des Universitätsgeländes, in welchem ich arbeite, Radikale einen Bus anzündeten. Dies ist natürlich eine höchst verwerfliche und verdammungswürdige Tat, wird aber beinahe noch übertroffen von der Gegenreaktion der Staatsgewalt, welche in den Medien und Blogs zum Thema meines Wissens bislang weitgehend unbeachtet geblieben ist: Nämlich flohen die vermummten Täter auf das Unigelände, offenbar, um ihre verdächtige Kleidung zu wechseln und so unerkannt zu entkommen. Aufgrunddessen stürmte unmittelbar im Anschluss eine Spezialtruppe der Polizei das Unigelände, wo sie großteils völlig unbedarfte Studenten und sogar einen Postdoc brutal aus den Laboren zerrten und verhafteten, sowie offenbar einen Studenten, der seinem soeben verhafteten Freund helfen und die Polizisten durch seine Aussage von dessen Unschuld überzeugen wollte, brutal niederschlugen. Ich kann diese Vorgänge zwar nicht völlig zweifelsfrei verifizieren, da ich selbst zum Zeitpunkt der Geschehnisse (glücklicherweise) noch nicht vor Ort war, habe jedoch die beschriebenen Dinge unabhängig von mehreren Personen erzählt bekommen. Falls ich noch weitere Informationen dazu erhalten sollte, werde ich diesen Beitrag dementsprechend updaten.
Doch wo – so wird sich der besorgte oder wenigstens ungeduldig-neugierige Leser langsam fragen – kommen denn nun Wasserwerfer und Tränengas ins Spiel?
Wie gesagt, ich war mit zwei Freunden am Plaza Ñuñoa essen, wo besagte kleine Demo zelebriert wurde. Die Menschen erschienen ausgelassen – es waren immer wieder durch Trommeln unterstütze Sprechchöre und Gesänge zu hören – aber insgesamt war die Versammlung absolut friedlich und zudem zahlenmäßig relativ überschaubar (wie gesagt höchstens 150 – 200 Leute). So friedlich sogar, dass die vielen Gäste (uns eingeschlossen) der diversen kleinen Restaurants, die meist nur 10 – 20 Meter von der Demonstrantengruppe entfernt saßen, sich nicht weiter um die Demo kümmerten und sorgenlos ihr Essen und ihre Drinks genossen.
Doch dann – plötzlich Sirenen. Ca. 2 oder 3 gepanzerte Fahrzeuge der Polizei näherten sich rasant der Demonstrantengruppe, an vorderster Front ein Wasserwerferfahrzeug, und bremsten knapp vor den Menschen scharf ab. Schlagartig änderte sich die Stimmung – nicht nur in der Demonstrantenmenge, sondern auch unter den Restaurantgästen: Ausrufe der Schreckens und der Verwunderung, gefolgt von schockgleicher, ungläubiger Starre.
Dann begann der Wasserwerfer ohne weitere Vorwarnungen damit, in die Menge zu schießen, und fuhr schließlich unter starker Beschleunigung direkt in sie hinein, um die Demonstranten zu zerstreuen. Dies führte unmittelbar zu einem gewaltigen Ausbruch des Zorns – nicht nur unter den Protestierenden, sondern vor allem auch unter den zuvor unbeteiligten Restaurantgästen (uns eingeschlossen), die der Polizei empört wüste Beschimpfungen entgegenbrüllten – Ausrufe von “hijos de putas!” (Hurensöhne!), “conchas sus madres!” (Motherfuckers!), und weitere.

Das Wasserwerferfahrzeug (etwas undeutlich zu erkennen im Hintergrund) schießt in die Menschenmenge. Die Leute im Vordergund erscheinen noch etwas verdutzt, die meisten starren ungläubig auf das Geschehen.
Dem ersten Aufgebot folgten noch weitere Panzerfahrzeuge, die versuchten, die Demonstrantenmenge weiter zu zerstreuen, sowie um den Plaza Ñuñoa herum patroillierten. Auch der Wasserwerfer machte einige Male kehrt, nur um abermals durch die Menge zu fahren und die Demonstranten zu beschießen.

Der Wasserwerfer (Hintergrund) fährt nach dem ersten Angriff davon, um Kehrt zu machen und erneut anzugreifen. Einige der Demonstranten überqueren hinter ihm die Straße, um aus dem Gefahrenbereich zu entkommen. Ein Mensch (dunkle Gestalt im Vordergrund) steht auf, nachdem er von der Wucht des Wasserstrahl niedergerissen wurde.
Die Trommelrhythmen der Demonstranten jedoch wurden nur stärker anstatt leiser, zumal nun die Zuschauer in den Cafés und Restaurants solidarisch in das Getrommele und die Sprechchöre miteinstimmten.
Die Situation war echt unglaublich – beinahe surreal. Meiner Meinung nach und jener all der Leute vor Ort war das Vorgehen der Polizei in absurder, geradezu lächerlicher Weise übertrieben und völlig unangebracht.
Doch es ging noch weiter: Kurz darauf begannen wir und die Leute um uns herum zu merken, dass offenbar auch Tränengas eingesetzt worden war – entweder als Beimischung im Wasserwerfer (etwas, was in den meisten zivilisierteren Ländern übrigens strikt verboten wäre!), oder separat – ich kann es nicht genau sagen. Das Brennen in den Augen und vor allem in der Nase war auf jeden Fall selbst in den wahrscheinlich eher geringen Dosen, die die Menge der unbeteiligten Zuschauer erreichte, bereits sehr unangenehm.
Die meisten Leute flüchteten sich nun in die Innenräume der Restaurants, um dem Tränengas einigermaßen auszuweichen. Chico, Macarena und ich entschieden uns hingegen dazu, lieber ganz zu verschwinden, und liefen vom Pulk weg in Richtung Chico’s Auto, das in einer Nebenstraße parkte. Als ich mich umblickte, sah ich, wie das Wasserwerferfahrzeug ausgerechnet in die Straße einbog, die wir gerade entlangliefen. Es fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu, den Wasserwerfer auf uns gerichtet. Einen Moment lang hatte ich Angst, man würde uns damit angreifen, zumal das Fahrzeug auf unserer Höhe mit nachwievor auf uns gerichtetem Rohr etwas abbremste, doch glücklicherweise fuhr es schließlich doch einfach vorbei.
Alles in allem ein wirklich krasses Erlebnis – mich erschreckt besonders, wie sensibel Chiles Staatsgewalt mittlerweile selbst auf kleine, absolut harmlose und friedliche Demonstrationen reagiert, und wie skrupellos und gewaltsam die Polizei solche Versammlungen zerschlägt. Chiles Regierung scheint nicht zu verstehen, wie prekär die Lage bereits für sie aussieht – mit derartigen Vorgehensweisen erreicht sie keine Beruhigung der Situation, sondern ganz im Gegenteil eine nur noch massivere Mobilisierung des Volkes. Präsident Piñera bräuchte doch eigentlich nur einen Blick auf den “Arabischen Frühling” in Tunesien, Ägypten und zuletzt Libyen zu werfen, um zu sehen was geschehen kann, wenn man ein bereits aufgebrachtes Volk nur noch weiter vor den Kopf stößt und durch gewaltsame Unterdrückung provoziert. Wenn die Regierung Piñeras nicht bald umfassende Zugeständnisse macht und echte Reformen durchführt, könnte der Weg zu einer echten Revolution nicht mehr sehr weit sein…


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