Chile – una aventura, Teil 1

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¡Hola!

Ich bin nun seit einer Woche in Santiago de Chile und habe mich bereits ein bisschen eingelebt. Für jene, die es nicht wissen: Ich werde ein knappes halbes Jahr in Chile verbringen, wobei ich die ersten drei Monate lang ein Forschungspraktikum an der hiesigen Uni mache und im Anschluss dann meinen großen Rucksack packe, um durch Chile (und vielleicht auch noch andere Länder) zu reisen.

Aber lasst mich von vorne beginnen.

Alles begann, als meine liebe Mutter vor einigen Jahren zusammen mit einer Freundin deren Verwandte in Chile, genauergesagt in Concepción, besuchte. Als ich nach ihrer Rückkehr die Erzählungen hörte und die Fotos sah, begann ich, eine Art Faszination für dieses unglaubliche Land zu entwickeln.

Schaut man sich Chile in einem Atlas (oder modernererweise in Google Earth) an, so fällt einem sofort die schier unglaubliche Form auf: Ein aberwitzig langer und schmaler Streifen Streifen Land, am äußersten Rande eines riesigen Kontinents gelegen, regelrecht eingequetscht zwischen dem weiten Pazifik im Westen und der gigantomanischen Gebirgskette, den Anden, die ganz Südamerika von Norden bis Süden durchziehen, im Osten. Chile ist knapp 4300 km lang (zum Vergleich für uns Europäer: Das entspricht ungefähr der Strecke von Norwegen nach Nigeria!), dabei jedoch in Schnitt nur 175 km breit. Allein die Idee eines solchen Landes erscheint gelinde gesagt erst einmal ziemlich absurd, aber die geographischen Gegebenheiten geben sozusagen den Rahmen vor und machen es zu einem in sich geschlossenen System.

Entsprechend der enormen Länge des Landes ist auch die Vielfalt beträchtlich, und zwar in jeder Hinsicht: Klimatisch, landschaftlich, sowie biologisch. Der oberste Norden wird dominiert durch die Atacamawüste, ein ca. tausend Kilometer langer Streifen ausgedörrten Ödlands und die trockendste Wüste der Welt. Richtung Süden folgen dann zunehmend aride und semiaride mediterrane Landschaften bis ca. Santiago. Von dort aus weiter gen Süden wird das Klima feuchter und gemäßigter, bis schließlich dichte, gemäßigte (≠ tropische!) Regenwälder mit bemerkenswerter endemischer (also einheimischer, nur hier vorkommender) Artenvielfalt das Landschaftsbild bestimmen. Bezeichnend sind hier z.B. über 50 endemische Baumarten, z.B. die Chilenische Araukarie, der “Nationalbaum”, und diverse Arten der Gattung Nothofagus, der berühmten Südbuche. Noch weiter südlich gehen diese Regenwälder dann langsam in die Steppen Patagoniens über, und jene dann in Richtung Feuerland zunehmend in Tundralandschaften und Moore.

Aber zurück zu meiner Erzählung: Nun denn, wie ging es weiter? Mit der Zeit reifte mein Wunsch, einmal selbst nach Chile zu reisen. Als uns schließlich unsere chilenischen Bekannten aus Concepción eines Tages besuchten und mich gleich einluden, zu ihnen nach Chile zu kommen, war ich hin und weg! Doch es sollte anders kommen: Gerade als ich Anfang 2010 damit begann, erste Pläne zu schmieden (nämlich nach Concepción zu fahren, um dort an die Uni zu gehen), wurde Chile von einem der schwersten Erdbeben seit langem erschüttert, welches große Schäden anrichtete und beinahe 600 Todesopfer forderte. Das Epizentrum lag nur knapp 100 km von Concepción entfernt, weshalb diese Stadt besonders heftig getroffen wurde. Glücklicherweise wurden unsere Bekannten nicht verletzt und ihr Haus nicht allzu schwer beschädigt (am schlimmsten waren wohl noch die Plünderungen in der Folgezeit), aber dennoch blies ich meine Pläne eines Besuchs für den Winter 2010/2011 erst einmal ab. Ich wollte unseren Bekannten nicht mitten in den Wiederaufbauarbeiten zur Last fallen, und außerdem wurde die Universität von Concepción durch das Beben und einen offenbar dadurch ausgelösten Brand schwer beschädigt.

Beinahe ein Jahr später begann ich allerdings erneut damit, Pläne für eine Reise nach Chile zu fassen. Und hier geschah es nun, dass ich zufälligerweise im Gespräch mit einem meiner Professoren erfuhr, dass dieser kollegiale und freundschaftliche Kontakte zu den Neurobiologen der Universidad de Chile in Santiago pflegte, sowie dass er durchaus daran interessiert wäre, einen studentischen Austausch zu beginnen. So nahm ich schließlich Kontakt zu den Leuten in Santiago auf, die sich allesamt als äußerst nette und zuvorkommende Menschen herausstellten und mich einluden, für drei Monate an einem Projekt in ihrem Institut zu arbeiten, um einen Einblick in ihre Forschung zu bekommen.

Und hier bin ich nun.

Speziell wird sich mein Projekt um die Erforschung des optischen Systems von Chilesteißhühnern (Nothoprocta perdicaria) drehen, die zur Familie der Tinamidae gehören, einer der evolutionär ältesten noch lebenden Vogelfamilien, die – auch wenn ihre hühnerartige Gestalt es kaum vermuten lässt – tatsächlich am nächsten mit den Laufvögeln (Ordnung Struthioniformes) verwandt sind, ja sogar nach neuesten evolutionsgenetischen Erkenntnissen mit jenen ein monophyletisches Taxon bilden (siehe u.a.: Harshman et al. (2008). Phylogenomic evidence for multiple losses of flight in ratite birds. Proceedings of the National Academy of Sciences 105, 13462 -13467). Die letzten gemeinsamen Vorfahren der “Urkiefervögel” (Paleognathae), zu welchen auch die Steißhühner und Laufvögel gehören, spalteten sich von den “Neukiefervögeln” (Neognathae) bereits in der Kreidezeit ab, also vor über 65 Millionen Jahren! Aufgrund des somit hohen evolutionären Alters könnte sich die vergleichend-neuroanatomische Untersuchung des optischen Systems des Chilesteißhuhns im Vergleich zu jenem neognather Vögel wie z.B. der Taube (eines der Hauptversuchstiere des hiesigen Instituts) oder des Haushuhns deshalb als ziemlich interessant herausstellen.

Hier eine Aufnahme eines Chilesteißhuhns in der Wildnis:

Chilesteißhuhn

Chilesteißhuhn, Nothoprocta perdicaria. Das sind wirklich sehr hübsche Tiere, mit ihrer schönen Rücken- und Kopfzeichnung! (Foto © Egon Wolf, http://www.flickr.com/photos/ewm)

Im Moment bin ich von solchen Ergebnissen allerdings noch weit entfernt: Erstmal gilt es für mich, die Methodiken zu erlernen und mich mit dem Aufbau solch eines Vogelgehirns vertraut zu machen (denn bislang habe ich noch nie neurobiologisch an Vögeln gearbeitet). Das heißt vor allem viele wissenschaftliche Papers lesen und viele verschiedenst angefärbte Gehirnschnitte mikroskopieren – stets mit dem “Gehirnatlas” der Taube daneben. Außerdem das “mounten” von selbst angefertigten Gehirnschnitten üben, also die filigranen Schnitte vorsichtig mit einem Pinsel auf Objektträgern platzieren, trocknen und mit einem Deckglas überdecken, um sie so zum Mikroskopieren und Lagern vorzubereiten.

In hoffentlich ein bis zwei Wochen soll es dann aber endlich richtig losgehen, dann werden die Tiere geliefert (nach chilenischer Zeitrechnung allerdings wohl eher in zwei bis drei Wochen).

Abgesehen vom Institut und dem Weg dorthin habe ich auch leider noch nicht besonders viel von Santiago gesehen. Nicht zuletzt auch, weil mich prompt eine leichte aber durchaus hartnäckige Erkältung erwischt hat (wahrscheinlich wegen des Klimawechsels, oder der aus unerfindlichen Gründen stets direkt auf den Hals gerichteten Lüftung im Flugzeug, oder einer Kombination aus beidem), weshalb ich das vergangene Wochenende vorwiegend im Bett verbracht habe.

Nun aber erwartet mich (sofern ich rechtzeitig wieder voll gesund werden sollte) die tolle Aussicht auf einen ersten Besuch der Kordilleren (also der Anden) am kommenden Wochenende, zusammen mit ein paar Leuten aus dem Labor.

Vielleicht gibt es ja im Anschluss einen neuen Blogeintrag mit ein paar schönen Fotos :) Bis auf weiteres verabschiede ich mich aber erstmal wieder.

¡Hasta la próxima!

gez. Kju

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